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Il nome sbagliato

Elfriede Kamps führte Touristen schon seit dreißig Jahren durch die verwinkelten Gassen von Goslar. Sie kannte jede Schieferplatte, jeden geschnitzten Giebel und jede lateinische Inschrift an den prächtigen Fachwerkhäusern, die die Stadt so berühmt machten. Doch ihr absoluter Lieblingsplatz war nicht das imposante Rathaus oder die Kaiserpfalz. Am liebsten blieb sie am Marktbrunnen stehen — nicht wegen seiner vergoldeten Adlerfigur oder seines beeindruckenden mittelalterlichen Charakters, sondern wegen eines unscheinbaren, kleinen Bronzeschildes an seiner Nordseite.

Das Schild nannte den Brunnen nach einem gewissen Heinrich von Goslar, angeblich einem wohlhabenden Ratsherrn aus dem dreizehnten Jahrhundert, der den Bau des Brunnens großzügig finanziert haben soll. Es war eine ordentliche Geschichte, die perfekt in das Bild der stolzen Hansestadt passte. Eine bequeme Geschichte, die man den Besuchern gerne erzählte. Und nach Elfriedes fester Überzeugung: eine völlig erfundene Geschichte.

„Woher wissen Sie das eigentlich so genau?“, hatte ein junger Journalist sie an einem kühlen Dienstagmorgen gefragt. Er hieß Tobias, war aus Hannover angereist und schrieb für ein anspruchsvolles Kulturmagazin, das zwar eine geringe Auflage hatte, aber für seine gründliche Recherche bekannt war. Elfriede hatte ihn schon nach wenigen Minuten gemocht — er stellte gezielte Fragen, statt nur pflichtbewusst zu nicken, während sie die üblichen Anekdoten zum Besten gab.

„Weil ich das Stadtarchiv so gut kenne wie meine eigene Küche“, antwortete sie ruhig und rückte ihre Brille zurecht. „Ich habe Jahre damit verbracht, die alten Pergamente zu studieren. Es gibt in der gesamten Stadtgeschichte keinen einzigen Beleg für diesen Heinrich. Kein Testament, keine Ratsprotokolle, kein Grabstein auf dem alten Friedhof. Nichts. Er existiert schlichtweg nicht.“

Tobias runzelte die Stirn und blickte auf das glänzende Schild. „Und woher kommt der Name dann? Jemand muss ihn doch dort angebracht haben.“

Sie lächelte fein, als hätte sie auf genau diese Frage dreißig Jahre lang gewartet. „Man muss zurück ins Jahr 1921 blicken. Die Stadt war nach dem Ersten Weltkrieg pleite, wollte den Brunnen aber unbedingt renovieren. Man brauchte dringend Spendengelder von den Bürgern. Ein besonders findiger Stadtrat — dessen Familienname rein zufällig ebenfalls 'von Goslar' war — schlug vor, dem Brunnen einen historisch klingenden, edlen Namen zu geben. Das schuf Identität und zog wohlhabende Gönner an. Das Kalkül ging auf: Das Geld floss in Strömen, die Renovierung wurde bezahlt und das Schild wurde feierlich angebracht.“ Sie machte eine kurze Pause und beobachtete eine Taube, die auf dem Brunnenrand landete. „Und dann vergaß man irgendwie, die Sache wieder geradzustellen, als die Zeiten besser wurden.“

Tobias schrieb eifrig in sein Notizbuch. „Hat das denn nie jemand offiziell angefochten? Es muss doch Historiker gegeben haben, denen das aufgefallen ist.“

„Doch, natürlich“, sagte Elfriede und ein Hauch von Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit. „Mein Vorgänger im Archiv, ein gewisser Herr Brandt, hat 1978 einen äußerst ausführlichen Bericht eingereicht. Er hat die Fälschung lückenlos nachgewiesen. Der Stadtrat hat den Bericht auch zur Kenntnis genommen, das steht fest.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Metall des Schildes. „Und dann hat man hinter verschlossenen Türen beschlossen, dass eine Korrektur nach fast sechzig Jahren mehr Verwirrung stiften würde als die Lüge selbst. Man wollte die Touristen nicht enttäuschen und die eigene Geschichte nicht komplizierter machen, als sie sein müsste.“

Tobias blickte sie nachdenklich an. „Das klingt fast nach einem kleinen Skandal, versteckt hinter einer Fassade aus Bronze.“

„Oder nach ganz normaler Stadtpolitik“, erwiderte sie trocken. „Es ist halt oft einfacher, eine schöne Legende zu pflegen, als eine Wahrheit einzugestehen, die zwar niemanden direkt schädigt, aber an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Geschichtsschreibung kratzt. Die Genauigkeit ist eben ein Opfer, das man in Kauf nimmt.“

Sie gingen eine Weile schweigend über das Kopfsteinpflaster. Der Marktplatz füllte sich allmählich mit Mittagsbesuchern, lärmenden Schulklassen und Ehepaaren, die ratlos ihre Stadtpläne studierten. Ein kleines Kind zeigte plötzlich mit dem Finger auf den Brunnen und rief: „Mama, wer ist der Mann auf dem Schild? Wer ist Heinrich von Goslar?“ Die Mutter blieb kurz stehen, las das Schild flüchtig und antwortete mit ruhiger Überzeugung: „Das war ein sehr wichtiger Mann aus dem Mittelalter, mein Schatz. Er hat der Stadt diesen Brunnen geschenkt.“

Elfriede hörte es im Vorbeigehen und sah demonstrativ weg. Es war genau dieser Moment, den sie jeden Tag erlebte.

„Werden Sie den Artikel wirklich schreiben?“, fragte sie Tobias schließlich, als sie das Ende der Fußgängerzone erreichten.

„Ja“, sagte er entschlossen. „Ich werde die Fakten darlegen. Aber ich frage mich ehrlich gesagt, ob es irgendetwas an diesem Schild ändern wird.“

„Wahrscheinlich nicht“, gab Elfriede zu und zog ihren Schal wegen des aufkommenden Windes enger. „Die Menschen lieben ihre Helden, auch wenn sie erfunden sind. Aber vielleicht fragt das nächste Kind, das vor dem Brunnen steht, eine etwas bessere Frage. Und vielleicht ist dann jemand da, der die richtige Antwort gibt.“

Sie verabschiedeten sich vor dem historischen Rathaus mit einem festen Händedruck. Elfriede ging jedoch nicht direkt nach Hause. Sie kehrte noch einmal zum Marktplatz zurück — nicht weil sie noch etwas erledigen musste, sondern weil sie einfach noch einmal am Brunnen vorbeigehen wollte. Wie jeden Tag nach ihren Führungen. Es war für sie zu einer Art Ritual geworden, als wäre ihre bloße Anwesenheit eine stille, aber beharrliche Form von Einspruch gegen die steinerne Unwahrheit.

Das Schild glänzte in der tiefstehenden Herbstsonne. Heinrich von Goslar, stand dort in geschwungenen Buchstaben, so selbstsicher und unerschütterlich wie eh und je. Elfriede atmete tief ein, rückte ihre Tasche zurecht und ging erhobenen Hauptes nach Hause.