물은 기억한다
A2 · Myths & Legends
„Ich bin Ilse“, sagte die alte Frau. Ihre Stimme war ruhig, wie tiefes Wasser. „Ich bin vor über zweihundert Jahren hier im See gestorben. Ich bin ins Wasser gegangen — nicht weil ich musste, sondern weil ich etwas nicht sagen wollte. Eine Wahrheit. Ich habe sie tief in mir behalten, und das hat mich hierher gebracht. Seitdem warte ich.“ „Worauf warten Sie?“, fragte Mara leise. „Auf jemanden wie dich.“
Ilse sah sie direkt an. „Du trägst etwas. Etwas Schweres. Ich kann es sehen — wie einen Stein, tief in deiner Brust.“ Mara wollte sagen: Nein, Sie irren sich. Aber die Worte kamen nicht. Denn Ilse hatte recht. Seit Monaten spielte Mara eine Rolle. Jeden Abend hörte sie ihrem Vater zu, der von Medizin sprach — von ihrer Zukunft als Ärztin, so wie er. Und jeden Abend nickte sie. Sie sagte nichts.
Sie sagte nicht: Ich habe mich an einer Kunstschule beworben. Ich bin angenommen worden. In einer anderen Stadt. Es war ihr Geheimnis, sorgfältig versteckt — und es wurde jeden Tag schwerer. „Der See fragt nicht, ob die Wahrheit groß oder klein ist“, sagte Ilse. „Er fragt nur: Wie schwer ist sie?“
Der Himmel im Osten wurde langsam heller. Ein blasses Grau, fast nichts. Ilse lehnte sich vor. Ihre Augen — so grau wie der See — sahen Mara nicht los. „Wer bist du wirklich, Mara?“ Mara öffnete den Mund. Nichts. „Hör zu“, sagte Ilse, und ihre Stimme wurde jetzt sehr ernst. „Wenn du jetzt gehst, wirst du diese Nacht vergessen. Alles. Aber wenn du lügst —“ sie machte eine kurze Pause — „dann wird der See es wissen. Und du wirst es nie vergessen.“