Rachunek, który sprzedawca antyków z Monachium wystawił dwukrotnie
B2 · Mystery & Crime
Nora Fichtl hatte schon viele Nachlässe gesichtet – Wohnungen voller verblasster Korrespondenz, Keller mit Kartons, die nach altem Papier und verpassten Entscheidungen rochen. Der Nachlass von Felix Roth, einem angesehenen Antiquar in der Münchner Maxvorstadt, war auf den ersten Blick nicht anders. Alles wirkte ordentlich. Fast schon zu ordentlich, wie Nora fand, während sie die schweren Vorhänge im Büro beiseite schob, um etwas Tageslicht hereinzulassen.
Sie saß am massiven Schreibtisch aus Eichenholz, drei Wochen nach seinem plötzlichen Tod, und arbeitete sich methodisch durch seine Rechnungsbücher. Die Witwe, Katharina Roth, hatte sie beauftragt, den gesamten Bestand zu bewerten – primär für die Erbschaftssteuer, nichts weiter. Nora trank ihren mittlerweile kalten Kaffee und blätterte durch die Einträge des letzten Quartals. Dann hielt sie inne. Ihr Blick blieb an einer Zeile hängen, die nicht in das harmonische Bild passte.
Rechnung Nr. 2847. Ausgestellt am 14. März. Empfänger: Dr. Clemens Voss. Objekt: Geographia Universalis, Ausgabe 1746, Halbledereinband. Preis: 9.400 Euro.
Nora blätterte weiter und stutzte erneut. Nur wenige Seiten später fand sie einen weiteren Eintrag.
Rechnung Nr. 2854. Ausgestellt am 29. März. Empfänger: Dr. Clemens Voss. Dasselbe Objekt. Derselbe Preis.
Nora legte die beiden Kopien nebeneinander auf die grüne Schreibunterlage. Es war nicht etwa eine doppelte Mahnung oder ein offensichtliches Versehen mit dem Datum. Es handelte sich um zwei separate Rechnungen, vierzehn Tage auseinander, für exakt dasselbe Buch an dieselbe Person. Ein Antiquariat dieser Klasse verkaufte keine Massenware; eine Geographia Universalis von 1746 war ein Unikat.
Sie rief Katharina Roth ins Büro, die gerade im Nebenraum schwere Kataloge sortierte. „Haben Sie das hier schon einmal gesehen?“, fragte Nora und deutete auf die Papiere.
Die Witwe zog ihre Brille auf und las die Dokumente schweigend. Ihr Gesicht veränderte sich kaum – nur um die Augen herum entstand jene leichte Anspannung, die man bei Menschen sieht, die über Jahre gelernt haben, ihre Emotionen zu kontrollieren. „Felix war manchmal unaufmerksam“, sagte sie schließlich mit belegter Stimme. „Gegen Ende besonders. Er hat oft Dinge doppelt abgeheftet.“
„Das war kein Versehen“, entgegnete Nora ruhig, während sie mit dem Finger über das Papier fuhr. „Schauen Sie sich die Handschrift genau an. Die zweite Rechnung ist mit einem anderen Stift geschrieben, die Tinte ist dunkler. Und die Unterschrift – der Schwung beim Buchstaben R ist viel steiler als gewöhnlich. Jemand wollte, dass diese zweite Rechnung existiert.“
Stille breitete sich im Raum aus. Das Ticken der Wanduhr wirkte plötzlich bedrohlich laut. „Was wollen Sie damit sagen?“, fragte Frau Roth, ohne Nora anzusehen.
„Ich sage noch nichts“, antwortete Nora vorsichtig. „Ich frage mich nur: Wer außer Ihrem Mann hatte nach seinem Tod oder kurz davor noch Zugang zu diesem Büro? Und warum sollte jemand eine zweite Rechnung für ein bereits verkauftes Buch fingieren?“
Um Antworten zu finden, suchte Nora Dr. Clemens Voss auf. Er empfing sie in seiner luxuriösen Wohnung in Bogenhausen, umgeben von deckenhohen Regalen, die so vollgepackt waren, dass man kaum die Farbe der Wände erkennen konnte. Voss war ein kleiner Mann mit großen, gepflegten Händen und dem gelassenen Selbstbewusstsein von jemandem, der es gewohnt war, dass man ihm Respekt zollte.
„Die Geographia?“, sagte er, ohne eine Sekunde zu zögern, als Nora ihn darauf ansprach. „Ein exquisites Stück. Ich habe sie im März erworben. Eineinhalbmal bezahlt, wenn ich ehrlich sein soll.“ Er lachte kurz und trocken. „Felix hat mir irrtümlich eine zweite Rechnung geschickt. Ich hielt es für einen Fehler im System und habe sie ignoriert.“
„Haben Sie die zweite Rechnung noch bei Ihren Unterlagen?“, hakte Nora nach. „Nein. Warum sollte ich Altpapier aufbewahren? Ich habe sie entsorgt.“
„Und das Buch? Darf ich einen Blick darauf werfen? Ich muss den Zustand für den Nachlassbericht dokumentieren.“ Voss zögerte – eine Sekunde zu lang, wie Nora bemerkte. „Es befindet sich derzeit in der Restaurierung. Der Einband war doch etwas fragiler, als ich anfangs dachte.“
„Seit wann genau? Und in welchem Atelier?“, fragte Nora und hielt ihren Stift bereit. „Seit... April, glaube ich. Den Namen des Ateliers habe ich gerade nicht im Kopf. Mein Sekretär kümmert sich um solche Details.“
Nora sah ihn an. Er sah zurück. Es war das freundlichste Schweigen, das sie je erlebt hatte, und zugleich das unangenehmste. Sie spürte, dass Voss log, doch sie hatte keine Beweise. Zwei Tage später erhielt sie einen unerwarteten Anruf von Katharina Roth. Ihre Stimme klang flacher als sonst, fast mechanisch.
„Ich habe in einem Versteck hinter dem Tresor gefunden, was Sie suchen“, sagte sie. „Felix hatte eine separate Akte. Nur für bestimmte Kunden. Dr. Voss gehörte dazu.“
Nora fuhr sofort zurück in die Maxvorstadt. In der geheimen Akte lagen Fotos, privater Schriftverkehr und eine handgeschriebene Notiz von Felix Roth selbst: ‚C.V. – Provenienz nicht eindeutig. Zweite Rechnung auf Wunsch erstellt, um legalen Erwerb vorzutäuschen. Bezahlung erfolgte in bar.‘
Die Wahrheit war ernüchternd. Die Geographia Universalis hatte vermutlich nie rechtmäßig Felix Roth gehört. Jemand – vielleicht Voss selbst – hatte das Buch aus einer unklaren Quelle bezogen und benötigte nun eine saubere Dokumentation. Felix hatte gegen Bezahlung eine offizielle Besitzgeschichte erfunden. Warum er mitgemacht hatte, würde man nie mit Sicherheit klären können. Schulden vielleicht, oder die schlichte Feigheit eines Mannes, dem das Nein-Sagen in einer finanziellen Krise zu schwer gefallen war.
Nora legte die Akte auf den Tisch und blickte aus dem Fenster auf die belebte Straße. Sie würde die Behörden informieren müssen, das war ihre Pflicht. Doch während sie die Papiere ordnete, dachte sie an Katharina Roth, die nun mit dem Wissen leben musste, dass das Erbe ihres Mannes auf Lügen aufgebaut war. Manchmal, dachte Nora, ist das Schlimmste an einem Geheimnis nicht die Tat selbst, sondern die Erkenntnis, wie perfekt die Fassade über Jahre hinweg aufrechterhalten wurde.