A gravação que o engenheiro de som berlinense apagou do arquivo
B2 · Music & Arts
Klaus Bauer hatte sechsunddreißig Jahre lang Klänge aufgenommen. Er wusste, wie eine Stradivari klingt, wenn der Bogen zum ersten Mal über die kalte Saite fährt. Er kannte den Unterschied zwischen dem Schweigen vor einem großen Konzert und dem Schweigen danach. Aber das Schweigen, das er an diesem Dienstagmorgen im Keller des Berliner Funkhauses schuf, war anders. Es war das Schweigen einer endgültigen Entscheidung.
Er hatte die Kassette zufällig gefunden. Eigentlich war er damit beauftragt worden, das Archiv zu digitalisieren – alte Aufnahmen aus den achtziger und neunziger Jahren, die sonst unwiederbringlich verloren gingen. Die meisten Bänder trugen handgeschriebene Etiketten: Datum, Künstlername, Werkbezeichnung. Die Kassette in seiner Hand trug jedoch nur drei Wörter: Holle. Februar 1989. Privat.
Werner Holle. Klaus lehnte sich gegen das Regal und schloss kurz die Augen. Er war damals achtundzwanzig gewesen, frisch angestellt und nervös. Holle war zu jenem Zeitpunkt bereits eine Legende – ein Pianist, dem man nachsagte, er könne mit einem einzigen Akkord die Zeit anhalten. Dieser Name stand noch immer auf Konzertsälen, auf Straßenschildern und auf den Deckeln teurer Biografien.
Klaus setzte die Kopfhörer auf und drückte auf Play.
Die ersten zwanzig Minuten waren professionell und still – Holle spielte die Goldberg-Variationen, sorgfältig, fast mechanisch. Dann, zwischen der dreizehnten und vierzehnten Variation, gab es eine kurze Pause. Das Studiotelefon hatte geklingelt. Klaus erinnerte sich plötzlich daran, den Raum verlassen zu haben, um Kaffee zu holen. Er hatte damals nicht bedacht, dass die Mikrofone noch liefen.
Eine Stimme – Holles Stimme, unverkennbar – flüsterte ins Leere: „Ruf Petra an. Sag ihr, die Partitur wird nie veröffentlicht. Sie soll nicht mehr fragen.“
Dann folgte eine lange Pause.
„Ich habe sie damals genommen. Ich weiß es. Sie weiß es auch. Aber niemand anderes darf es jemals wissen.“
Klaus nahm die Kopfhörer ab. Sein Atem war flach geworden. Petra Lindemann. Er kannte diesen Namen. Eine Komponistin, die in den späten achtziger Jahren kurz aufgeleuchtet und dann verschwunden war – angeblich wegen einer schweren Krankheit. Aber ihre Musik hatte nicht aufgehört zu existieren. Sie existierte unter Holles Namen, wurde von Orchestern gespielt und von Kritikern gelobt.
Klaus saß lange mit dem Band in der Hand da. Er dachte an die Biografie, die bald erscheinen sollte, und an den jungen Musikwissenschaftler, der ihn letzte Woche angerufen hatte. Dieser suchte nach „authentischem Archivmaterial“. Er dachte auch an Holles Tochter, die so stolz auf das Erbe ihres Vaters war.
Und er dachte an Petra Lindemann, die heute zurückgezogen in Freiburg lebte und nie mehr über Musik schrieb.
Er stand auf. Er holte das Gerät, mit dem man Kassetten löschte, aus dem Schrank. Es war ein unscheinbares Ding aus Plastik – ein kleiner Magnetstab, der Schallwellen aus der Existenz tilgte. Der Vorgang dauerte keine zehn Sekunden. Danach war die Kassette leer.
Klaus legte sie zurück in die Schachtel und schrieb ein neues Etikett: Beschädigt. Kein verwertbarer Inhalt.
Auf dem Weg nach oben fragte er sich, ob er gerade etwas Feiges oder etwas Notwendiges getan hatte. Er fand keine Antwort. Doch bevor er das Licht im Archiv ausmachte, bemerkte er etwas: Auf der Innenseite der Schachtel klebte ein gefaltetes Blatt Papier.
Es war ein handgeschriebener Brief, undatiert, in einer kleinen, sorgfältigen Handschrift.
„Werner, ich habe lange überlegt, ob ich dir schreiben soll. Aber ich will nicht mehr wütend sein. Was du damals getan hast, war falsch. Aber ich habe die Musik trotzdem gehört, wenn sie gespielt wurde, und ich dachte: Vielleicht war das der einzige Weg, wie sie überleben konnte. Ich bin nicht einverstanden, aber ich verstehe es. Tue nichts mehr. Ich werde es auch nicht tun. – Petra“
Klaus stand im Halbdunkel und las den Brief mehrmals. Das Band war bereits leer. Was er gelöscht hatte, war zwischen diesen beiden Menschen schon lange geregelt oder zumindest begraben worden. Er hatte sich in eine Entscheidung eingemischt, die längst getroffen worden war.
Ob er die Wahrheit beschützt hatte oder nur die Stille, wusste er nicht. Er steckte den Brief in seine Jackentasche und stieg die Treppe hinauf ins Licht.