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Kroky, které na schodišti vždy ustaly na třetím schodu

Mara hatte gelernt, mit dem Geräusch zu leben, wenn auch nicht unbedingt mit ihm zu schlafen. Es war kein lautes Poltern, sondern ein rhythmisches Setzen von Sohlen auf altes Holz, das sich jede Nacht zur exakt gleichen Zeit wiederholte. Es begann kurz nach ihrem Einzug in die Wohnung im dritten Stock des herrschaftlichen Gründerzeithauses in der Brückenstraße. In der ersten Nacht dachte sie, es wäre der Nachbar von oben, der vielleicht von einer späten Schicht kam. In der zweiten Nacht vermutete sie die Katze des Hausmeisters, die durch das Treppenhaus schlich. Ab der dritten Nacht jedoch stellte sie keine Vermutungen mehr an. Sie lag nur noch wach, starrte an die Decke und wartete auf das Unvermeidliche.

Jede Nacht, pünktlich um 23:47 Uhr, begannen die Schritte im Erdgeschoss. Sie klangen schwer, aber nicht bedrohlich. Es war das Gehen eines Menschen, der keine Eile hatte, weil er genau wusste, dass er ankommen würde. Mara zählte die Stufen im Geiste mit. Dreizehn Stufen pro Etage. Die Schritte stiegen höher, passierten den ersten Stock, dann den zweiten. Und dann, wie von einem unsichtbaren Dirigenten gestoppt, hörten sie auf. Immer auf der dritten Stufe vor ihrer Etage – der insgesamt elften Stufe des letzten Treppenabschnitts. Nicht vor ihrer Tür. Nicht eine Etage höher. Genau dort.

„Du steigerst dich da in etwas hinein“, sagte ihr Freund Jonas am nächsten Tag am Telefon. Mara hörte das Klappern von Geschirr im Hintergrund; sein Leben war laut, hell und rational. „Das ist ein altes Haus, Mara. Die physikalischen Gesetze der Thermodynamik gelten auch in der Brückenstraße. Die Rohre dehnen sich aus, wenn die Heizung abkühlt. Das Holz arbeitet nach der Hitze des Tages. Es sind Spannungsgeräusche, keine Geister.“

„Holz macht keine Schritte, Jonas“, entgegnete Mara und rieb sich die brennenden Augen. „Holz knarzt unvorhersehbar. Das hier ist rhythmisch. Es hat eine Absicht. Es ist, als würde jemand mitten im Satz aufhören zu sprechen.“

„Vielleicht solltest du einfach weniger Kaffee trinken und die Ohropax benutzen, die ich dir geschenkt habe“, sagte er sanft, aber bestimmt. Sie legte auf. Jonas verstand nicht, dass es nicht der Lärm war, der sie wachhielt, sondern die Unvollständigkeit des Vorgangs. Das Gehirn verlangt nach einem Abschluss, nach der zwölften und dreizehnten Stufe.

Am nächsten Morgen traf Mara die alte Frau Gerber beim Leeren der Briefkästen. Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss war eine Institution im Haus; sie schien schon dort gewohnt zu haben, als die Wände noch feucht vom Bau waren. Sie trug eine graue Strickjacke, die so verwaschen war, dass sie fast mit dem Putz der Wände verschmolz.

„Sie sehen blass aus, Kindchen“, sagte Frau Gerber ohne Umschweife. „Das Treppenhaus lässt Sie wohl nicht ruhen?"

Mara hielt inne, einen Werbeflyer halb aus dem Schlitz gezogen. „Woher wissen Sie das?“

Die alte Frau lächelte wehmütig. „Das Haus hat ein Gedächtnis. Es wiederholt die Momente, die es nicht verarbeiten konnte. Das geht schon so, seit Herr Vollmer ausgezogen ist.“

„Wer war Herr Vollmer?“

„Er wohnte in Ihrer Wohnung“, erklärte Frau Gerber und senkte die Stimme. „Ein Buchhalter, sehr ordentlich, sehr pünktlich. Er kam jeden Abend mit dem letzten Bus. Wir konnten die Uhr nach ihm stellen. Bis zu jenem Abend vor fünf Jahren. Er schaffte es fast bis nach oben, aber sein Herz spielte nicht mehr mit. Er brach auf der elften Stufe zusammen. Direkt vor Ihrer Etage.“

Mara spürte ein kaltes Rieseln auf ihrem Rücken. Es war kein Entsetzen, sondern eine tiefe, melancholische Erkenntnis. „Und seitdem hört man ihn?“

„Das Haus geht seinen Weg zu Ende, oder versucht es zumindest“, sagte Frau Gerber und schloss ihren Briefkasten mit einem metallischen Klicken. „Ich finde es eigentlich tröstlich. Er ist nie wirklich weggegangen. Das Haus hat ihn nicht vergessen, und so bleibt er ein Teil von uns.“

In dieser Nacht löschte Mara alle Lichter. Als die Uhr 23:47 Uhr anzeigte, saß sie bereits aufrecht im Bett. Die Schritte begannen. Eins. Zwei. Drei. Sie zählte nicht mehr aus Angst, sondern aus einer seltsamen Form von Mitgefühl.

Acht. Neun. Zehn. Elf.

Stille. Die gewohnte, schwere Stille legte sich über den Flur. Doch diesmal hielt Mara es nicht mehr aus. Sie stand auf, öffnete leise ihre Wohnungstür und trat barfuß auf den kühlen Steinboden des Treppenhauses. Sie schaltete das Licht nicht ein. Im fahlen Mondlicht, das durch das Fenster im Zwischenstock fiel, sah sie die leere Treppe.

Sie trat vor, bis sie direkt an der Kante der zwölften Stufe stand – nur Zentimeter von dem Punkt entfernt, an dem die Schritte jede Nacht endeten. „Sie sind fast da“, flüsterte sie in die Dunkelheit. Es gab keine Antwort, kein plötzliches Erscheinen einer Gestalt. Aber die Luft fühlte sich für einen Moment weniger dicht an.

Mara blieb noch eine Weile stehen, als könnten zwei unvollendete Leben gemeinsam irgendwie etwas Ganzes ergeben. Als sie schließlich ins Bett zurückkehrte, schlief sie sofort ein. Die Schritte kamen auch in den folgenden Nächten wieder, doch sie waren kein Rätsel mehr, das es zu lösen galt. Sie waren eine Erinnerung. Und Mara erkannte, dass ein Name und eine Geschichte oft ausreichen, um das Unheimliche in etwas Menschliches zu verwandeln.