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B2 · Culture & Travel
Der Zug nach Dresden hatte natürlich Verspätung. Nicht die üblichen zwölf Minuten, die man mit einem schlechten Kaffee und halbherzigem Scrollen durch das Handy überbrücken konnte — nein, es hieß: anderthalb Stunden, Gleis 3, Grund unbekannt. Mara lehnte ihren Kopf gegen die kalte Fensterscheibe des Wartesaals und betrachtete die Ortstafel draußen: Schwarzenberg (Erzgeb.).
Sie hätte in Leipzig bleiben sollen. Das Interview mit dem Kulturreferenten war früher fertig geworden als geplant, und ihre Kollegin Britta hatte noch am Nachmittag geschrieben: „Nimm doch den Regionalzug. Schöne Strecke.“ Mara hatte das als eine jener sinnlosen, romantischen Empfehlungen abgetan, die Menschen ohne Deadlines machen. Jetzt saß sie hier.
Der Bahnhof selbst war klein, ein bisschen erschöpft, aber nicht hässlich. Draußen lag Anfang November über der Stadt wie ein grauer Filzdeckel. Mara zog ihre Jacke zurecht und beschloss, zumindest nicht im Wartesaal zu bleiben. Schlechte Luft und schlechtere Musik.
Die Hauptstraße war kurz und überschaubar. Eine Apotheke, ein Schreibwarenladen, ein Fleischer mit beschlagenen Scheiben. Dann, fast versteckt zwischen zwei Hausfassaden, eine Tür mit einem handgemalten Schild: Holzschnitzerei Langner – Atelier und Verkauf.
Mara wäre weitergegangen, wenn nicht aus dem Spalt zwischen Tür und Rahmen der Geruch gequollen wäre: frisches Holz, Leim und etwas, das sie nicht benennen konnte — vielleicht Bienenwachs, vielleicht nur alte Wärme. Sie drückte die Tür auf.
Der Raum war klein und vollgestellt. Auf Regalen standen Figuren in verschiedenen Fertigungsstadien: Engel ohne Gesichter, Bergmänner ohne Arme, Räuchermänner mit noch rohen Körpern. Auf einem Arbeitstisch saß ein älterer Mann und schnitzte. Er blickte kurz auf, nickte und arbeitete weiter.
„Darf ich schauen?“, fragte Mara, obwohl sie schon im Raum stand.
„Sie schauen doch schon“, sagte er, ohne den Blick von seiner Arbeit zu heben.
Sie strich mit dem Finger über einen fertigen Engel. Lindenholz, vermutete sie aufgrund der blassen, gleichmäßigen Maserung. Das Gesicht war erstaunlich genau — nicht kitschig, wie sie es erwartet hatte, sondern fast streng, mit leicht gesenktem Blick.
„Wie lange brauchen Sie für eine Figur?“
„Kommt drauf an, was sie sagen will.“
Mara drehte sich um. „Wie meinen Sie das?“
Der Mann, dessen Name — wie sie später auf einem Preisschild las — tatsächlich Langner war, legte sein Werkzeug kurz ab. Er war vielleicht siebzig, mit Händen, die aussahen, als wären sie selbst aus Holz geschnitzt.
„Na ja. Manche Figuren wissen von Anfang an, was sie werden wollen. Andere lügen einen an. Man denkt, man schnitzt einen Engel, und mittendrin merkt man, dass es eigentlich ein Bergmann ist.“ Er zuckte die Schultern, als wäre das eine vollständig rationale Erklärung.
Mara hatte das Gefühl, dass sie einen Witz nicht verstand. Oder dass es gar keiner war.
Sie verbrachte fast eine Stunde in dem kleinen Atelier. Langner zeigte ihr, ohne viel Aufhebens zu machen, den Unterschied zwischen Kerb- und Reliefschnitzerei. Er erklärte, warum man im Erzgebirge traditionell mit Lindenholz arbeite — nicht weil es das beste sei, sondern weil es das war, was der Wald hergab, wenn der Bergbau die Männer nicht mehr brauchte. Die Weihnachtsfiguren, die Pyramiden, die Schwibbögen: alles Reaktionen auf Hunger und Dunkelheit und lange Winter. Nicht Folklore um der Folklore willen, sondern Überleben, das eine Form gefunden hatte.
„Und jetzt?“, fragte Mara. „Kaufen die Leute das noch?“
Langner schnitzte weiter. „Die Richtigen.“
Sie kaufte schließlich einen kleinen Räuchermann — nicht weil sie ihn gebraucht hätte, sondern weil sie das Gefühl hatte, dass sie ohne ihn gehen würde, als hätte sie etwas unterschlagen. Er kostete achtzehn Euro und war in Zeitungspapier gewickelt, von dem Langner behauptete, es sei die beste Verpackung, die es gebe.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof rief sie Britta an.
„Und? War die Strecke schön?“, fragte Britta mit dem Ton von jemandem, der immer recht hat.
„Der Zug hatte anderthalb Stunden Verspätung.“
„Oh nein. Das tut mir leid.“
Mara betrachtete das eingewickelte Päckchen in ihrer hand. „Macht nichts“, sagte sie. Und meinte es tatsächlich so.
Im Zug nach Dresden legte sie den Räuchermann auf den leeren Sitz neben sich. Er sah sie nicht an — sein Blick ging, wie der des Engels, irgendwohin nach unten, nach innen, an einen Ort, den Mara noch nicht kannte. Sie öffnete ihr Notizbuch und überlegte kurz, ob das, was sie heute erlebt hatte, für irgendeinen Artikel taugte.
Wahrscheinlich nicht. Es fehlten die Zahlen, die Aussagen, der Konflikt.
Aber sie schrieb trotzdem etwas auf, nur für sich: Manche Umwege wissen von Anfang an, was sie sein wollen.