Jízdenka, kterou si pohraničník v Marienbornu nechal
A2 · History
Es war ein kalter Novembermorgen im Jahr 1987. Klaus saß im Zug und sah durch das schmutzige Fenster. Die Felder waren grau. Der Himmel war grau. Alles war grau.
Der Zug fuhr langsam. Dann hielt er an.
Marienborn.
Klaus kannte diesen Namen gut. Jeder in der DDR kannte diesen Namen. Marienborn war die Grenze. Hier begann die andere Welt.
Klaus hatte eine Sondergenehmigung. Er durfte nach West-Berlin fahren, nur für drei Tage. Sein Onkel war sehr krank. Klaus wollte ihn besuchen. Er hatte seinen Personalausweis, die Genehmigung und seine Fahrkarte — eine einfache Fahrkarte aus braunem Papier.
Die Tür des Zugabteils öffnete sich. Zwei Grenzsoldaten kamen herein. Sie trugen grüne Uniformen und hatten ernste Gesichter.
„Dokumente“, sagte der erste Soldat. Seine Stimme war flach und kalt.
Klaus gab ihm alles: den Ausweis, die Genehmigung und die Fahrkarte. Seine Hände zitterten ein bisschen.
Der Soldat las die Dokumente langsam. Er schaute Klaus an. Dann schaute er wieder auf die Papiere. Eine Minute verging. Dann noch eine Minute.
„Warum fahren Sie nach West-Berlin?“, fragte der Soldat.
„Mein Onkel ist krank“, sagte Klaus. „Ich möchte ihn besuchen.“
Der Soldat sagte nichts. Er nahm die Fahrkarte und steckte sie einfach in seine Jackentasche.
Klaus hatte Angst. Ohne die Fahrkarte konnte er nicht zurückfahren. Ohne die Fahrkarte war er ein Mann ohne Heimweg.
„Bitte“, sagte Klaus leise. „Ich brauche die Fahrkarte für die Rückfahrt.“
Der Soldat antwortete nicht. Er nahm den Ausweis und die Genehmigung und ging mit dem zweiten Soldaten auf den Flur. Klaus hörte sie leise sprechen. Er verstand kein Wort.
Zehn Minuten vergingen. Klaus saß ganz still. Er dachte an seine Mutter in Magdeburg. Er dachte an seine kleine Wohnung, sein Bett und seine Bücher. Er dachte: Vielleicht komme ich nie zurück.
Dann kam der Soldat wieder. Er gab Klaus den Ausweis und die Genehmigung zurück. Aber die Fahrkarte behielt er.
„Sie können fahren“, sagte der Soldat.
„Aber die Fahrkarte —“, begann Klaus.
„Sie können fahren“, wiederholte der Soldat. Er sah Klaus nicht an. Er ging aus dem Abteil und schloss die Tür.
Der Zug fuhr weiter.
Klaus saß da und verstand die Welt nicht mehr. Er hatte keine Fahrkarte mehr. Er konnte nach West-Berlin fahren, aber die Rückfahrt war nun ein Problem. Er hatte kein Geld für eine neue Fahrkarte. Nicht in West-Mark.
Drei Tage später kaufte sein kranker Onkel ihm eine neue Fahrkarte. Klaus fuhr zurück nach Marienborn. Dieselbe Grenze, dieselben grünen Uniformen, dieselben ernsten Gesichter.
Diesmal fragte kein Soldat nach der alten Fahrkarte.
Im Zug nach Magdeburg dachte Klaus lange nach. Der Soldat hatte die Fahrkarte behalten. Warum? Als Beweis? Als Spiel? Klaus wusste die Antwort nicht. Er war nur froh, wieder im Zug nach Hause zu sitzen.
Zwei Jahre später, im November 1989, fiel die Mauer. Klaus brauchte nie wieder eine Sondergenehmigung. Aber manchmal dachte er noch an diese braune Fahrkarte — und an den Soldaten, der sie ohne ein Wort behalten hatte. Manche Dinge erklären sich nie.