Postkortet fra Wien, der kom ti år for sent
A2 · Relationships & Drama
Die Postkarte lag auf dem Küchentisch. Mara sah sie sofort, als sie nach Hause kam. Sie war klein und gelb. Auf der Vorderseite war ein Bild vom Stephansdom. Die Farben waren alt und blass. Mara nahm die Karte in die Hand und drehte sie um. Die Handschrift kannte sie sofort.
„Liebe Mara, Wien ist schön. Ich denke oft an dich. Es tut mir leid. Ich war damals feige. Bitte vergib mir. – Jonas“
Das Datum auf dem Stempel war der 14. März 2015. Heute war der 9. November 2025. Mara setzte sich langsam auf einen Stuhl. Ihr Herz schlug schnell. Sie las die Worte noch einmal. Jonas. Sie hatte diesen Namen seit Jahren nicht mehr laut gesagt.
Sie und Jonas waren zusammen aufgewachsen. Als Kinder spielten sie jeden Tag im Garten. Als Teenager waren sie beste Freunde. Dann, im Sommer 2014, sagte Jonas: „Ich fahre nach Wien. Nur für ein Jahr. Dann komme ich zurück.“
Er kam nicht zurück. Er schrieb keine E-Mails. Er rief nicht an. Er verschwand einfach aus ihrem Leben. Mara wartete ein Jahr. Sie war wütend und traurig. Irgendwann hörte sie auf zu warten.
Jetzt hielt sie seine Worte in der Hand. Sie ging zum Fenster. Draußen regnete es leise. Die Karte war zehn Jahre unterwegs! Vielleicht lag sie in einem alten Postamt. Vielleicht war die Adresse nicht klar lesbar. Es war unmöglich zu sagen.
Aber Jonas hatte sie geschrieben. Er dachte an sie. Mara suchte auf ihrem Telefon nach seinem Namen: Jonas Frey, Wien. Es gab ein Ergebnis: „Café Frey – Inhaber: Jonas Frey.“ Das Foto zeigte einen Mann mit einem ruhigen Lächeln. Er war älter, aber er war es.
Mara tippte eine Nachricht. Ihre Hände zitterten ein bisschen: „Hallo Jonas. Du wirst es nicht glauben. Deine Postkarte ist heute angekommen. Zehn Jahre zu spät. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber vielleicht möchte ich antworten.“
Sie schickte die Nachricht ab. Sie schaute wieder auf die gelbe Postkarte. Zehn Jahre, dachte sie. Vielleicht war es noch nicht zu spät.