Loading translation and audio tools…

Die Antwort gehört dem See

Das erste graue Licht lag über der Müritz. Mara dachte an ihren Vater. Sie dachte an seine Stimme, wenn er von Medizin sprach — stolz, warm, sicher. Sie liebte ihn so sehr. Genau das war das Problem. In ihrem Rucksack lag der Brief. Die Zusage der Kunstschule. Seit drei Wochen trug sie ihn mit sich, versteckt unter einem Pullover. Jeden Morgen dachte sie: Heute sage ich es. Jeden Abend schwieg sie. Ilse wartete. Mara öffnete den Mund. Diesmal kamen die Worte. „Ich bin Künstlerin“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, aber sie sprach weiter. „Ich muss Dinge machen — zeichnen, malen, bauen. Das bin ich. Nicht die Tochter, die Ärztin wird. Nicht das Mädchen, das immer nickt. Ich habe Angst gehabt — Angst, dass mein Vater mich weniger liebt, wenn er es weiß.“ Sie schluckte. „Aber das ist die Wahrheit.“

Stille. Dann — eine Laterne hinter ihr wurde dunkel. Dann eine zweite. Dann alle. Ilse lächelte. Es war ein kleines, altes Lächeln — das Lächeln von jemandem, der sehr lange gewartet hat. Das Wasser fing an, schwach zu leuchten. Und zum ersten Mal sah Mara Ilses Spiegelbild im See. Es war nur kurz. Dann war Ilse weg. Mara stand allein auf dem Steg. Der Stein in ihrer Brust war verschwunden. Sie ging zurück durch den dunklen Wald. Als sie das Zelt erreichte, brannte schon eine kleine Flamme — ihr Vater machte Kaffee. Er sah sie an, aber er fragte nichts. Sie setzte sich neben ihn. Langsam nahm sie den Brief aus dem Rucksack. Sie legte ihn auf den Campingtisch. Mit der Schrift nach oben. Sie sagte noch nichts. Aber sie nahm ihn auch nicht zurück.