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Der Müller, der dem Schwarzen Mann seinen Schatten lieh

Im Dorf Graubach gab es eine alte Mühle, und in dieser Mühle lebte ein Mann namens Kaspar Feil. Die Mühle war früher schön gewesen, aber jetzt war das Rad kaputt, die Schulden wurden größer, und Kaspar wusste nicht mehr, wie er den Winter überstehen sollte.

Eines Abends im Oktober saß er draußen auf der kalten Treppe. Er hatte keinen Hunger, aber er konnte nicht schlafen. Der Mond schien hell, und Kaspars Schatten lag lang und dunkel vor ihm auf dem Boden. Da hörte er Schritte.

Ein großer Mann in schwarzen Kleidern kam den Weg entlang. Er hatte keine Laterne, aber er schien den Weg gut zu kennen. Er blieb vor Kaspar stehen und schaute ihn an.

„Du siehst aus wie ein Mann mit einem Problem", sagte der Schwarze Mann.

„Ich habe viele Probleme", sagte Kaspar.

„Ich habe eine Lösung." Der Schwarze Mann lächelte. „Ich leihe mir deinen Schatten für ein Jahr. Dafür bekommst du Gold — genug, um deine Schulden zu bezahlen und dein Rad zu reparieren."

Kaspar schaute auf seinen Schatten. Es war doch nur ein Schatten. Was sollte er damit schon anfangen?

„Und was ist die Regel?", fragte Kaspar, denn er hatte genug alte Geschichten gehört, um zu wissen, dass es immer eine Regel gibt.

Der Schwarze Mann nickte respektvoll. „Nur eine. Am letzten Tag des Oktobers im nächsten Jahr bringe ich deinen Schatten zurück. Aber wenn du mich nicht erkennst — wenn du mich wegschickst — behalte ich ihn für immer."

Sie schüttelten die Hände. Der Schwarze Mann bückte sich, griff den Schatten wie einen Mantel vom Boden und verschwand in der Nacht. Auf der Treppe lag ein kleiner Beutel. Er war schwer und voll mit Gold.

In den ersten Wochen bemerkte Kaspar kaum etwas. Er reparierte das Rad, bezahlte seine Schulden, und die Mühle arbeitete wieder. Die Leute im Dorf freuten sich für ihn.

Aber dann kamen die kleinen Probleme.

Im Laden schaute die alte Wirtin ihn seltsam an. „Kaspar", sagte sie langsam, „warum hast du keinen Schatten?"

Er hatte keine gute Antwort.

Die Kinder im Dorf liefen weg, wenn er kam. Sein Hund bellte ihn morgens an, als würde er ihn nicht kennen. Und Kaspars Frau Lene — eine ruhige, vernünftige Frau — sagte eines Abends am Tisch: „Ich liebe dich, Kaspar. Aber wenn du neben mir sitzt und kein Schatten auf dem Boden ist, fühle ich mich allein. Als ob du halb weg wärst."

Das war der Moment, in dem Kaspar verstand, dass er einen Fehler gemacht hatte. Ein Schatten ist kein Ding. Ein Schatten ist der Beweis, dass man wirklich da ist.

Das Jahr verging langsam. Im Sommer war Kaspar oft unruhig und schlief schlecht. Im Herbst wurde er nervös. Er dachte jeden Tag an den letzten Oktobertag.

Dann kam der Tag.

Es klopfte an die Tür der Mühle. Kaspar öffnete sie. Draußen stand ein alter Bauer mit einem grauen Bart und einem grünen Hut. Der Bauer lächelte freundlich.

„Guten Tag", sagte der alte Mann. „Kann ich ein Glas Wasser haben? Ich bin müde vom weiten Weg."

Kaspar schaute ihn an. Ein alter Bauer. Kein schwarzer Mantel, kein großer Körper, keine dunklen Augen.

Er wollte sagen: „Natürlich, komm herein."

Aber dann schaute er auf den Boden.

Der alte Mann hatte keinen Schatten.

Kaspar atmete tief ein. „Ich erkenne dich", sagte er ruhig. „Du kannst hereinkommen."

Der alte Mann lachte — ein langes, tiefes Lachen. Er wurde wieder groß und schwarz, wie in der Nacht vor einem Jahr. Er legte seinen Mantel auf den Boden, und der Schatten glitt wie Wasser zurück zu Kaspars Füßen.

„Du bist aufmerksamer geworden", sagte der Schwarze Mann.

„Ich war zu lange ohne ihn", antwortete Kaspar.

An diesem Abend saß Kaspar mit Lene am Feuer. Das Licht tanzte an der Wand, und zwei Schatten — seiner und ihrer — lagen ruhig nebeneinander auf dem Boden.

Lene sagte nichts. Aber sie nahm seine Hand.

Kaspar schaute die ganze Nacht auf seinen Schatten. Er hatte das Gold ausgegeben und das war gut so. Aber er wusste jetzt, dass manche Dinge keinen Preis haben — nicht weil sie wertlos sind, sondern weil sie unbezahlbar sind.