Tăcerea după ultimul clinchet al Zidului Berlinului
B2 · History
Es war kurz nach elf Uhr abends, als Thomas Schreiber merkte, dass etwas nicht stimmte. Nicht auf gefährliche Weise. Eher so, wie man merkt, dass ein Seil, an dem man seit Jahren zieht, plötzlich nachgibt. Ein seltsames Gefühl von Leere, wo vorher Widerstand war.
Er stand an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, Ost-Berlin, am 9. November 1989. Seit acht Stunden war er im Dienst. Sein Kollege Frank rauchte schweigend neben ihm, obwohl er eigentlich nicht hätte rauchen dürfen. Aber heute schien niemand mehr sicher zu sein, was eigentlich erlaubt war. Die Luft war kühl, und der Geruch von Abgasen der Trabbis mischte sich mit der Nervosität, die über dem Asphalt hing.
Die Menschenmenge hatte sich gegen neun Uhr zu sammeln begonnen. Erst ein paar Dutzend. Dann Hunderte. Jetzt, zwei Stunden später, standen Tausende vor dem Schlagbaum. Sie drängten nicht. Sie schrien nicht. Sie standen einfach da, mit Personalausweisen in der Hand, ruhig wie eine Flut, die wartet, bis das Schleusentor sich öffnet. Es war eine Stille, die lauter war als jeder Protestschrei.
Thomas hatte die Meldung im Radio gehört, dieselbe, die alle gehört hatten. Der Sprecher des Zentralkomitees, Günter Schabowski, hatte auf einer Pressekonferenz verkündet, dass DDR-Bürger das Land ab sofort verlassen dürften. Dann hatte jemand gefragt: Ab wann? Und Schabowski hatte in seinen Papieren geblättert, verwirrt gewirkt, und gesagt: Unverzüglich. Sofort.
Es war ein Versehen gewesen. Thomas wusste das. Irgendwo in einem Büro hatte jemand ein Formular falsch gelesen oder die falsche Seite eines Dokuments vorgelegt. Die Entscheidung, die die Welt verändern würde, war kein Plan gewesen – sie war ein Druckfehler der Geschichte. Ein bürokratischer Zufall, der nun vor Thomas in Form von tausend erwartungsvollen Augenpaaren Gestalt annahm.
„Was machen wir?“, fragte Frank leise, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Seine Stimme zitterte leicht.
Thomas hatte keine Antwort. Er hatte versucht, seine Vorgesetzten zu erreichen. Alle Leitungen waren besetzt. Die Befehle, die er erhalten hatte, stammten aus einer anderen Welt – einer Welt, die es vielleicht schon nicht mehr gab. In seinem Kopf spielten sich Szenarien ab: Was, wenn er die Waffe ziehen musste? Was, wenn die Menge die Geduld verlor? Die Verantwortung lastete schwerer auf seinen Schultern als die Uniform.
Er betrachtete die Gesichter in der Menge. Eine Frau hielt ihr Kind auf dem Arm, das längst hätte schlafen sollen. Ein älterer Mann mit einem karierten Schal hielt seinen Ausweis so fest, als wäre er ein Ticket für einen Zug, der vielleicht nie kam. Ein junger Mann in einer Jeansjacke traf seinen Blick und nickte – nicht aggressiv, eher wie eine stille Frage: Na? Was jetzt?
Thomas dachte an seine Ausbildung. An die Paragraphen, die er auswendig kannte. An den Eid, den er geschworen hatte. An das Wort Schussbefehl, das man nie laut aussprach, das aber immer im Raum stand wie eine schlechte Luft. Er erinnerte sich an die Übungen, an die Disziplin, an die Mauern im Kopf, die noch viel dicker waren als der Beton vor ihm.
Dann dachte er an seinen Vater, der 1961 zusehen musste, wie die Mauer gebaut wurde, ohne dass jemand ihn gefragt hätte. Die Mauer kam in einer Nacht, hatte der Vater einmal gesagt. Ich bin morgens aufgewacht, und meine Straße gehörte plötzlich zu einem anderen Land. Thomas fragte sich, ob Geschichte immer so passierte – plötzlich, unvorhersehbar und ohne Rücksicht auf den Einzelnen.
Wäre es möglich, dass das Umgekehrte genauso schnell gehen konnte? Dass eine Grenze einfach verschwand, weil die Menschen aufhörten, an sie zu glauben?
Um 23:30 Uhr traf sein Vorgesetzter Oberstleutnant Rudi Zieske eine Entscheidung, die in keinem Handbuch stand: Er würde die Menschen passieren lassen. Einfach so. Ohne förmliche Genehmigung aus Ost-Berlin, ohne schriftlichen Befehl. Er stempelte die Ausweise mit einem Vermerk, der bedeutete, dass die Inhaber nicht zurückkehren durften – eine letzte symbolische Geste der Kontrolle in einem Moment, der jede Kontrolle längst überwältigt hatte.
Thomas trat vor und legte die Hand an den Mechanismus. Er öffnete den Schlagbaum.
Die Menge bewegte sich. Nicht stürmisch, sondern fließend, fast andächtig, wie Menschen, die es kaum glauben können, dass der Boden unter ihren Füßen wirklich trägt. Jemand weinte leise. Jemand lachte ungläubig. Der alte Mann mit dem karierten Schal tippte Thomas beim Vorbeigehen am Arm und sagte nur: „Danke, junger Mann.“ Mehr nicht. Es war kein politisches Statement, nur menschliche Dankbarkeit.
Thomas stand da und ließ sie alle vorbeiziehen. Er sah, wie Familien sich in den Armen lagen, wie Fremde sich zunickten und wie die Grenze, die sein ganzes Leben definiert hatte, in Minuten bedeutungslos wurde. Er fühlte sich seltsam leicht, als hätte er eine schwere Rüstung abgelegt.
Er würde in den nächsten Jahren oft gefragt werden, wie er sich in diesem Moment gefühlt hatte. Erleichtert? Stolz? Ängstlich? Er gab verschiedene Antworten zu verschiedenen Zeiten, aber die ehrlichste war vielleicht diese: Er hatte sich gefühlt wie jemand, der am Rand eines sehr hohen Gebäudes steht und merkt, dass er die ganze Zeit vergessen hat, Angst zu haben. Er war kein Held, er war nur ein Zeuge, der aufgehört hatte, im Weg zu stehen.
Die Mauer fiel nicht in einem großen Knall. Sie fiel in der Stille einer Schicht, die einfach zu Ende war. In einer Entscheidung, die eigentlich keine war. In einem Druckfehler. In einem Schlagbaum, der hochging. Und in dem leisen Tippen eines alten Mannes auf dem Arm eines Grenzers, der an diesem Abend endlich aufgehört hatte, ein Hindernis zu sein. Als Thomas später nach Hause ging, war die Welt eine andere, und er wusste, dass er nie wieder derselbe sein würde.