Der Zug nach Erfurt, der nur donnerstags hält
A2 · Culture & Travel
Der kleine Bahnhof in Kleinwenden hat keine Cafeteria und keine digitale Anzeige. Er hat nur eine alte Holzbank und ein gelbes Schild. Jeden Donnerstagmorgen um 7:43 Uhr hält hier ein Zug.
Lena weiß das von ihrer Großmutter. „Merke dir das, Kind“, sagte Oma Hilde früher. „Der Zug hält hier nur donnerstags. An allen anderen Tagen fährt er einfach durch.“
Heute ist Mittwochabend. Lena sitzt in ihrem Zimmer in Erfurt und liest eine SMS von ihrer Mutter: „Oma Hilde ist im Krankenhaus. Sie will dich sehen.“
Lena ist traurig. Vor einem Jahr hatten sie einen großen Streit über Lenas Studium. Seit zwölf Monaten haben sie nicht mehr gesprochen. Jetzt liegt die alte Frau im Krankenhaus in Kleinwenden. Der einzige Weg dorthin ohne Auto ist dieser eine Zug am Donnerstag.
Lena stellt den Wecker auf fünf Uhr morgens. Um 6:15 Uhr ist sie am Erfurter Hauptbahnhof. Sie kauft eine Fahrkarte nach Kleinwenden und sucht Gleis 7. Der Zug ist pünktlich. Sie setzt sich ans Fenster und sieht die grünen Felder. Bei jeder Station schaut sie auf das Schild. Dann endlich: Kleinwenden.
Das Krankenhaus ist klein und riecht nach Desinfektionsmittel. Eine Krankenschwester führt Lena in Zimmer 12. Oma Hilde liegt im Bett. Sie sieht Lena und sagt leise: „Du bist gekommen.“
„Ja“, sagt Lena. „Mit dem Donnerstagszug.“
Die alte Frau nickt und streckt ihre Hand aus. Lena setzt sich auf den Stuhl und nimmt die Hand ihrer Großmutter. „Oma, es tut mir leid wegen letztem Jahr“, sagt Lena.
Oma Hilde sieht sie lange an. Dann lächelt sie. „Wie lange kannst du bleiben?“, fragt Hilde.
Lena denkt an den Fahrplan. Der nächste Zug zurück fährt erst in sieben Tagen. Sie lächelt auch. „Eine Woche“, sagt sie.