Il vicolo di Augusta che ha un nome solo il giorno dell'Epifania
B1 · Culture & Travel
Das Kuvert war alt. Der Umschlag hatte eine leicht gelbliche Farbe, und die Schrift ihrer Großmutter war zittrig, aber klar: Rauschgasse 7, Augsburg. Darunter stand: „Geh am 6. Januar hin. Nur dann."
Lena hatte das Kuvert nach dem Tod ihrer Großmutter gefunden, zusammen mit einem alten Foto. Auf dem Foto sah man ein schmales Haus mit einem grünen Holztor und vor dem Tor drei Kinder in bunten Kostümen – Kronen auf dem Kopf, Sterne in der Hand. Ihre Großmutter war eines dieser Kinder. Lena hatte das Foto lange angeschaut, aber sie hatte keine Erklärung gefunden.
Das war im November. Jetzt war es der 5. Januar, und Lena saß im Zug nach Augsburg.
Sie hatte natürlich zuerst gegoogelt. Kein Ergebnis. Sie hatte in drei verschiedenen Stadtplänen gesucht. Nichts. Sie hatte sogar das Stadtarchiv angerufen.
„Rauschgasse?", die Stimme am Telefon klang unsicher. „Nein, die kenne ich nicht. Gibt es nicht mehr, vielleicht. Oder... warten Sie mal. Wann wollen Sie kommen?"
„Am 6. Januar."
Eine kurze Pause. „Ah." Wieder eine Pause. „Dann finden Sie sie."
Mehr hatte der Mann nicht gesagt. Lena hatte mehrfach nachgefragt, aber er hatte nur gelacht und aufgelegt.
Sie übernachtete in einem kleinen Hotel in der Altstadt. Am nächsten Morgen – dem 6. Januar, dem Dreikönigstag – stand sie früh auf. Die Straßen waren noch leer und kalt, der Himmel grau wie alter Stein.
Sie lief durch die engen Gassen der Innenstadt, am Dom vorbei, durch den Morgenmarkt. Sie wusste nicht genau, wo sie suchen sollte. Aber dann hörte sie Stimmen – helle Kinderstimmen, die ein Lied sangen.
Eine Gruppe Kinder bog um eine Ecke. Sie trugen lange bunte Gewänder und goldene Kronen. Der Junge vorne hielt einen großen Stern aus Papier hoch, der an einem Stock befestigt war. Ein Erwachsener folgte ihnen mit einem Notizbuch.
„Entschuldigung", sagte Lena. „Ich suche die Rauschgasse."
Der Erwachsene – ein älterer Mann mit einer roten Wollmütze – lächelte sofort. Es war kein höfliches Lächeln, sondern ein echtes, als hätte er auf diese Frage gewartet.
„Gehen Sie einfach mit uns", sagte er. „Wir sind gerade auf dem Weg dorthin."
Die Sternsinger – so nannte man diese Kinder, die am Dreikönigstag von Haus zu Haus zogen – führten Lena durch eine kleine Gasse, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Sie lag zwischen zwei Häusern, kaum breiter als ein Auto. Normalerweise hatte sie keinen Namen. Aber jetzt hing da ein Schild an der Mauer, handgemalt auf weißem Holz: Rauschgasse.
„Das Schild hängt nur heute", erklärte der ältere Mann. Er hieß Karl. „Es ist eine alte Tradition in diesem Viertel. Diese Gasse hier war früher der wichtigste Weg für die Sternsinger. Sie haben hier begonnen, jeden Dreikönigstag, seit über hundert Jahren. Die Leute haben ihr einen Namen gegeben – aber nur für diesen einen Tag. Am 7. Januar ist das Schild wieder weg."
Lena stand still. Sie schaute auf das grüne Holztor von Nummer 7.
„Wer wohnt hier?", fragte sie leise.
„Früher hat hier die Familie Hauser gewohnt", sagte Karl. „Der alte Hauser hat die Tradition damals begonnen. Aber die Familie ist längst weggezogen." Er schaute auf das Foto in Lenas Hand. „Darf ich?"
Lena gab es ihm. Karl betrachtete es lange.
„Das Mädchen in der Mitte", sagte er schließlich. „Das könnte Elise Hauser sein. Die Enkelin des alten Hauser. Kennen Sie sie?"
Lena schluckte. „Das war meine Großmutter."
Die Sternsinger sangen vor dem grünen Tor. Ihre Stimmen klangen dünn in der Kälte, aber auch sehr klar. Karl erklärte ihr, dass ihre Großmutter hier als Kind mitgemacht hatte – jedes Jahr, bis sie mit siebzehn Jahren nach München gezogen war.
„Sie hat mir nie davon erzählt", sagte Lena.
„Vielleicht wollte sie es Ihnen zeigen, nicht nur erzählen", sagte Karl.
Lena verstand, was er meinte. Das Kuvert, das Datum, die kurze Anweisung – ihre Großmutter hatte ihr keinen Text geschrieben. Sie hatte ihr eine Erfahrung hinterlassen. Ein Geschenk, das man nur einmal im Jahr öffnen konnte.
Die Kinder hatten ihr Lied beendet. Eines von ihnen – ein kleines Mädchen mit einer viel zu großen Krone – schaute Lena neugierig an.
„Bist du auch eine Königin?", fragte das Mädchen.
Lena lachte. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie wirklich lachte.
„Nein", sagte sie. „Ich bin nur zu Besuch."
Aber als sie durch die Gasse zurückging, drehte sie sich noch einmal um. Das Schild hing noch an der Mauer. Rauschgasse. Morgen würde es wieder verschwunden sein. Sie machte ein Foto davon. Für sich selbst – und vielleicht auch für jemanden, dem sie es eines Tages zeigen wollte.