Il lancio del martello che l'atleta della DDR rifiutò
B2 · Sports
Der 14. Juli 1980 war ein drückend heißer Tag in Karl-Marx-Stadt. Auf dem Trainingsgelände des SC Karl-Marx-Stadt vermischte sich der Geruch von frisch gemähtem Gras mit dem metallischen Duft von Schweiß und Eisen. Kerstin Hamann, 24 Jahre alt und die vielleicht begabteste Hammerwerferin der DDR, stand allein auf dem Betonboden der Wurfhalle. Sie starrte auf das Gerät zu ihren Füßen, als wäre es ein fremdes Objekt und nicht das Zentrum ihres Universums.
Der Hammer. Vier Kilogramm massiver Stahl an einem dünnen Drahtseil. Ihr ganzes Leben war in diesen vier Kilogramm konzentriert.
Seit sie sechzehn war, hatte sie nichts anderes getan, als die Kunst der Fliehkraft zu perfektionieren. Ihr Alltag war ein unerbittlicher Rhythmus: Morgens um sechs Uhr aufstehen, Krafttraining, Essen nach Plan, Techniktraining, Schlafen. Ihr Körper war eine hochpräzise Maschine, und die Maschine funktionierte tadellos. Bei den DDR-Meisterschaften im Vorjahr hatte sie die Marke von 71,40 Metern erreicht – inoffiziell, wohlgemerkt. Offiziell stand im Protokoll lediglich eine Weite von 68,80 Metern. Dieser Unterschied war kein Messfehler und auch kein Zufall. Es war eine politische Anweisung.
„Du wirfst heute nicht weiter als Genossin Schulze“, hatte ihr Trainer, Werner Falck, ihr drei Wochen vor dem entscheidenden Wettkampf gesagt. Er hatte es ruhig gesagt, fast beiläufig, während er seine Stoppuhr kalibrierte, als würde er ihr lediglich erklären, wie man Kaffee kocht. „Sie braucht den Titel für ihre Kaderakte. Verstehst du das, Kerstin?“
Kerstin hatte nichts erwidert. Sie hatte nur genickt, weil ein Nicken im System der DDR oft die sicherste Form der Kommunikation war. Nicken war keine explizite Lüge, aber es war auch kein Versprechen.
Petra Schulze war zweifellos eine gute Athletin. Aber sie war nicht so gut wie Kerstin, und beide Frauen wussten das. Petra war jedoch die Tochter eines einflussreichen Funktionärs im DTSB, dem Deutschen Turn- und Sportbund. In der Welt des sozialistischen Leistungssports zählten solche familiären Verbindungen oft mehr als die tatsächliche Weite in Metern. Wer die richtigen Eltern hatte, bekam die beste medizinische Betreuung und die sichersten Startplätze.
Was Falck ihr verschwiegen hatte – was er vielleicht selbst nur durch Gerüchte wusste –, war die Tragweite dieses Tages. Ein hochrangiger sowjetischer Trainer würde bei dem Wettkampf anwesend sein, um potenzielle Medaillenkandidatinnen für die Olympischen Spiele in Moskau zu sichten. Wer hier glänzte, wer die Nerven behielt, der erhielt das begehrte Ticket nach Moskau. Kerstin hatte dies durch eine Kollegin erfahren, flüsternd in der Umkleidekabine, während die Augen der anderen Athletin ständig zur Tür huschten.
Moskau. Das Wort war für Kerstin wie ein ferner Stern, unerreichbar und doch das einzige Ziel, das zählte.
Am Wettkampftag herrschte eine elektrische Spannung. Kerstin beobachtete Petra Schulze beim Aufwärmen. Petra wirkte verkrampft, die Schultern hochgezogen, ihr Blick wanderte immer wieder nervös zu ihrem Vater auf der Tribüne. Der Mann saß in der ersten Reihe, eine dunkle Aktentasche fest auf dem Schoß gepresst, als wäre er nicht bei einem Sportfest, sondern bei einer geheimen Sitzung des Zentralkomitees.
Als Kerstins Name schließlich aufgerufen wurde und sie in den Wurfkreis trat, wurde es seltsam still in ihrer Brust. Es war nicht die lähmende Stille der Angst, sondern die Klarheit vor einer Entscheidung, die man innerlich längst getroffen hat. Sie spürte den rauen Griff des Hammers. Ihre Finger schlossen sich vertraut um das kalte Metall. Sie begann die Rotation – einmal, zweimal, dreimal. Die Welt um sie herum verschwamm zu einem einzigen grauen Farbstreifen. Die Fliehkraft zerrte an ihren Armen, und in dem Moment, in dem sie die maximale Energie spürte, ließ sie los.
Der Hammer flog in einem perfekten Bogen gegen den blauen Sommerhimmel.
71,64 Meter.
Ein neuer inoffizieller Rekord der DDR. Die Weite was so enorm, dass die Kampfrichter einen Moment zögerten, bevor sie das Maßband straff zogen. Die Stille, die nun folgte, war von einer anderen Qualität. Der sowjetische Trainer beugte sich interessiert vor und machte sich eine Notiz. Der Funktionär auf der Tribüne schloss wortlos seine Aktentasche und stand auf. Werner Falck sagte gar nichts. Er sah Kerstin nur an, und in seinem Blick lag keine Wut – nur eine müde, fast respektvolle Erschöpfung. Er wusste, dass dieses Ergebnis Konsequenzen haben würde, die er nicht mehr kontrollieren konnte.
Kerstin trat ruhig aus dem Kreis. Sie wischte sich den Magnesiumstaub von den Händen an ihrer Hose ab. Sie fühlte sich seltsam leicht.
Was danach geschah, war so berechenbar wie die Gesetze der Physik in der DDR: endlose Gespräche hinter verschlossenen Türen, ein offizieller schriftlicher Verweis und schließlich eine monatelange Sperre wegen angeblicher „Disziplinlosigkeit und mangelnder Teamfähigkeit“. Sie fuhr nicht nach Moskau. Petra Schulze wurde offiziell Meisterin und gewann in Moskau später die Bronzemedaille.
Doch das ist nur die äußere Chronik der Ereignisse. Der andere Teil der Geschichte ist schwerer zu messen, aber weitaus bedeutender: Kerstin Hamann hatte in diesem einen Moment ihre Integrität bewahrt. Sie hatte das Einzige geworfen, was ihr wirklich gehörte – ihren eigenen Willen.
Jahrzehnte später, in einem Interview nach dem Mauerfall, wurde sie gefragt, ob sie diesen einen Wurf, der sie die olympische Karriere kostete, jemals bereut habe. Sie dachte lange nach, während sie aus dem Fenster auf ein vereintes Deutschland blickte. Dann lächelte sie – ein leises, wissendes Lächeln.
„Ich habe nur eines bereut“, sagte sie schließlich. „Dass ich nicht schon viel früher so weit geworfen habe.“