Loreley, która oddała szyperowi jego prawdziwe imię
B2 · Myths & Legends
Es gab am Rhein ein altes Wort, das die Schiffer unter sich weitergaben wie einen Schluck Branntwein in der Kälte: Wer die Loreley dreimal ansieht, vergisst seinen Namen. Wer sie viermal ansieht, vergisst sich selbst.
Konrad hatte sie nur einmal gesehen – und das hatte gereicht.
Das war vor sieben Jahren gewesen, an einem Abend im Oktober, als der Nebel so dicht über dem Wasser lag, dass man das eigene Ruder kaum erkennen konnte. Er hatte ihren Gesang gehört, bevor er sie sah: eine Melodie ohne Worte, die sich in die Schläfen bohrte wie ein Dorn. Dann hatte er aufgeschaut, obwohl er es nicht wollte. Für einen Herzschlag lang hatte er eine Gestalt auf dem Felsen gesehen – kein klares Bild, nur ein Leuchten, wie Gold unter Wasser.
Seitdem wusste er nicht mehr, wie er hieß.
Nicht im Sinne des Vergessens: Er konnte seinen Namen buchstabieren, wenn man ihn fragte. Er wusste, dass seine Mutter ihn so gerufen hatte und dass dieser Name in einer Bibel stand. Aber wenn er abends allein saß, die Hand aufs Herz legte und fragte: „Wer bist du eigentlich?“, dann war da nur Stille. Der Name gehörte ihm nicht mehr. Er fühlte sich wie ein leeres Gefäß, das jemand anderem gehörte.
Die anderen Schiffer sagten, er sei sonderbar geworden. Er trank nicht mehr, er lachte selten. Er sprach korrekt und höflich, aber irgendwie von weit her, als ob er seine eigenen Sätze durch dickes Glas beobachtete. Seine Frau Lena hatte es zuerst bemerkt. „Du siehst mich an wie ein Fremder“, hatte sie gesagt. Er hatte keine Antwort gewusst, die nicht gelogen gewesen wäre.
Im siebten Jahr trieb es ihn zurück zum Loreleyfelsen.
Er fuhr allein, gegen jede Vernunft, an einem windlosen Juliabend. Die anderen hielten ihn für wahnsinnig oder unglücklich oder beides. Vielleicht hatten sie recht. Aber er hatte in einem alten Buch – halb zerrissen, halb unleserlich – eine Zeile gefunden, die ihn nicht losließ: „Die Loreley nimmt keinen Namen für immer. Sie bewahrt ihn nur, bis der Mensch weiß, warum er ihn verloren hat.“
Er wusste nicht, ob das stimmte. Er wusste nicht einmal, ob das Buch echt war. Aber er hatte nichts mehr zu verlieren, was ihm wirklich gehörte.
Der Felsen lag ruhig im Abendlicht. Das Wasser war ungewöhnlich still, fast wie ein Spiegel. Konrad ließ das Boot treiben und wartete. Er sang nicht, er rief nicht – er saß nur da und ließ die Stille auf sich wirken.
Dann hörte er es. Nicht eine Melodie diesmal, sondern eine einzige Frage, klar wie eine Glocke über dem Wasser: „Warum hast du aufgeschaut?“
Er überlegte nicht lange. Die ehrliche Antwort war immer die erste. „Weil ich wissen wollte, ob sie wirklich ist.“
Stille. „Und wenn sie es ist?“
„Dann ist die Welt größer, als ich dachte. Und ich bin kleiner.“
Wieder Stille. Dann, langsam, wie ein Name, der aus sehr großer Tiefe auftaucht: „Konrad.“
Er hörte es und erkannte es. Nicht nur den Klang – sondern das Gewicht dahinter. Die Hand seiner Mutter auf seiner Schulter. Den ersten Winter auf dem Rhein. Das Gesicht von Lena, als sie ihn noch kannte. Alles, was er mit diesem Wort verknüpft hatte und vergessen geglaubt hatte, kehrte zurück.
Er weinte nicht. Er atmete nur tief aus, so tief, als hätte er sieben Jahre lang die Luft angehalten.
Auf dem Rückweg, als die Lichter von St. Goarshausen langsam auftauchten, fragte er sich, ob das ein Geschenk gewesen war oder ein Urteil. Vielleicht war er aufgeschaut, weil er immer nach Dingen griff, die ihn überwältigen konnten. Vielleicht war das sein wahrer Name gewesen: jemand, dem die Welt niemals klein genug sein würde.
Er legte das Ruder ruhig in die Hand und fuhr nach Hause.
Ob Lena die Tür öffnete, bevor er anklopfte – als ob sie es gewusst hätte –, das ist eine andere Geschichte. Aber sie sagte später, er habe sie zum ersten Mal seit Jahren wieder mit seinen eigenen Augen angesehen.