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A gravura que desapareceu em três leilões de Berlim

Das erste Mal sah Marta Sorel den Kupferstich im Oktober.

Sie arbeitete seit zwei Jahren als Katalogassistentin bei Brandt & Söhne, einem kleinen Auktionshaus in Berlin-Mitte. Ihre Aufgabe war eigentlich einfach: Fotos machen, Beschreibungen schreiben und Preise recherchieren. Aber Marta hatte ein gutes Auge. Ihre Kollegin Jana sagte immer: „Du siehst die Dinge, die andere übersehen.“

Der Kupferstich war unscheinbar. Er hatte ein kleines Format und war an den Rändern ein bisschen vergilbt. Er zeigte die Berliner Schlossbrücke aus dem Jahr 1702 – Pferde, Wasser und ein schwerer Himmel. Unten rechts stand ein kleines Monogramm: J.B.K.

Marta fotografierte ihn für den Katalog und dachte: „Schön, aber nicht besonders.“ Er wurde für 340 Euro verkauft. Der Käufer bezahlte in bar und hinterließ den Namen „H. Berndt“ – mehr nicht.

Im Februar erschien der Stich wieder.

Diesmal nicht bei Brandt & Söhne, sondern bei der Galerie Auer in Charlottenburg. Marta sah ihn zufällig, als sie eine Freundin dort besuchte. Sie erkannte ihn sofort: die gleiche Brücke, das gleiche Monogramm, die gleichen vergilbten Ränder. Aber der Preis im Katalog war jetzt 1.200 Euro.

„Interessant“, sagte sie zu ihrer Freundin. „Was?“ „Dieser Stich. Den kenne ich.“ „Kaufst du ihn?“ Marta hatte keine 1.200 Euro. Aber sie notierte alles in ihr kleines Notizbuch. Der Stich wurde verkauft – wieder an einen „H. Berndt“, wieder in bar.

Im Mai rief Jana sie an. „Marta, komm mal her. Schnell.“

Marta war gerade beim Mittagessen. Sie ließ ihren Kaffee stehen und ging ins Büro. Jana stand vor dem Computer und zeigte auf den Bildschirm. Es war die Website vom Auktionshaus Kemper im Prenzlauer Berg.

„Schau mal, Los 47.“ Marta beugte sich vor. Die Schlossbrücke, 1702. Das Monogramm J.B.K. Diesmal war der Startpreis 2.800 Euro.

„Das ist derselbe Stich“, sagte Marta ruhig. „Unmöglich. Der wurde doch zweimal verkauft.“ „Dreimal, wenn man den heute mitzählt.“ Jana sah sie an. „Was machst du jetzt?“ „Ich gehe zur Auktion.“

Die Auktion bei Kemper war am Dienstagabend. Marta kam früh, setzte sich in die dritte Reihe und wartete. Der Raum war nicht groß – vielleicht dreißig Leute. Ältere Männer, ein paar junge Frauen mit Notizbüchern und ein Mann mit Glatze, der immer wieder auf sein Handy schaute.

Als Los 47 aufgerufen wurde, hob Marta die Hand. Sie hatte nur 200 Euro dabei – nicht genug, das wusste sie. Aber sie wollte sehen, wer gewinnt.

Das Gebot stieg schnell: 2.800, 3.200, 3.800. Marta hörte auf zu bieten. Der Mann mit der Glatze gewann. Er bezahlte sofort in bar.

Marta wartete draußen auf dem Gehweg. Es war kühl. Nach etwa zehn Minuten kam der Mann aus der Tür, den Stich sicher unter dem Arm.

„Entschuldigung“, sagte sie. Er sah sie an. „Ja?“ „Ich habe diesen Stich schon zweimal gesehen. Bei anderen Auktionen. Er wird immer verkauft und taucht dann wieder auf.“

Der Mann schwieg einen Moment. Dann lachte er kurz – nicht böse, eher müde. „Ich weiß“, sagte er. Marta verstand nicht. „Sie wissen das?“ Er seufzte. „Darf ich es Ihnen erklären?“ Er deutete auf ein Café gegenüber.

Sie saßen an einem kleinen Tisch. Der Mann hieß Heinrich Brandt – wie das Auktionshaus, das war kein Zufall. Er war der Neffe des Gründers.

„Mein Onkel hat den Stich 2019 verkauft“, begann er. „Für wenig Geld. Er wusste nicht, was er da hatte.“ „Und was ist es?“ Heinrich trank seinen Kaffee. „J.B.K. – das ist Johann Balthasar Kolbe. Ein Kupferstecher, der 1702 in Berlin gearbeitet hat. Dieser Stich ist eine seiner letzten Arbeiten. Vielleicht die letzte.“

„Warum taucht er immer wieder auf?“ „Weil ich ihn zurückgekauft habe. Jedes Mal. Für mehr Geld.“ Er lächelte schief. „Ich bin Kunsthistoriker. Ich wollte ihn unbedingt für meine Forschung haben. Aber jedes Mal, wenn ich ihn besitze, brauche ich plötzlich Geld für etwas anderes. Also verkaufe ich ihn wieder. Und dann... bereue ich es sofort.“

Marta dachte nach. „Und heute?“ „Heute behalte ich ihn wirklich.“ „Das haben Sie wahrscheinlich schon zweimal gedacht.“ Er sah sie an. Dann nickte er langsam. „Ja. Das stimmt leider.“

Marta schrieb zwei Wochen später einen Artikel für den Newsletter von Brandt & Söhne über Johann Balthasar Kolbe. Sie nannte keine Namen. Jana las den Artikel und sagte: „Du hast das Rätsel gelöst.“

„Eigentlich nicht“, antwortete Marta. „Das wahre Rätsel ist, ob er ihn diesmal wirklich behält.“ Sie dachte an Heinrichs müdes Lächeln. Sie wollte ihm glauben – aber sie war sich nicht sicher. Und das, fand sie, war viel interessanter als eine einfache Antwort.